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Bildungsgerechtigkeit zeigt positive Entwicklung

Dr. Christina Anger vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln stellte im Studium Generale der Pädagogischen Hochschule Weingarten die Ergebnisse einer aktuellen Studie vor

Weingarten
– Wie sieht es in Deutschland mit der Bildungsgerechtigkeit aus? Nicht so schlecht, wie es in der Öffentlichkeit oftmals transportiert wird. Dies zumindest belegt eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), deren Ergebnisse Dr. Christina Anger, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten am IW Köln, im Studium Generale der Pädagogischen Hochschule Weingarten (PH) vorstellte. Die Veranstaltungsreihe der Hochschule habe sich im Wintersemester mit verschiedenen Vorträgen dem Rahmenthema „Bildung und Gerechtigkeit“ gewidmet, berichtete apl. Professor Dr. Ralf Elm, Organisator der Studium-Generale-Lesungen an der PH. Die Vermeidung von Bildungsarmut bleibe in Deutschland vor dem Hintergrund aktueller Migrationsbewegungen und im Zuge des Höherqualifizierungstrends am Arbeitsmarkt ein wichtiges politisches Ziel mit steigender Bedeutung. Hier bestehe trotz Fortschritten in der Bildungspolitik auch weiterhin Handlungsbedarf, zeigte sich Elm überzeugt.

Das Gutachten des IW Köln sei im Auftrag der Konrad Adenauer Stiftung durchgeführt worden und basiere auf einer Analyse der Entwicklung der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland seit dem Jahr 2000, so Christina Anger. Träger des Kölner Instituts sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie. „Unser Auftrag ist es, gemeinsame Auffassungen und Ziele der unternehmerischen Wirtschaft auf wissenschaftlicher Grundlage gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten“, so die Expertin. Bei der Bildungsgerechtigkeits-Untersuchung seien bildungsökonomische Ziele des Bildungssystems und dessen Beitrag zur Fachkräftesicherung im Fokus gestanden. „Wir konnten feststellen, dass sich die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland seit dem Jahr 2000 positiv entwickelt hat“, berichtete Christina Anger. Es gebe mehr Bildungsaufsteiger als Bildungsabsteiger und der Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds auf die Bildungsergebnisse habe nachgelassen.

Eine positive Entwicklung zeigt laut Christina Anger beispielsweise die Entwicklung der Zahlen bei den 20- bis 29-Jährigen ohne Berufsabschluss. Die Ungelernten-Quote sank von 16,5 Prozent im Jahr 2005 auf 12,7 Prozent im Jahr 2014. Das berufliche Bildungssystem in Deutschland habe zudem dazu beigetragen, dass die Studienberechtigten-Quote junger Menschen von 37,2 Prozent (2000) auf 53 Prozent (2015) gestiegen sei. Zwar liege die Zahl der Studierenden aus Akademikerhaushalten immer noch deutlich über dem Anteil Studierender aus Nichtakademikerhaushalten. Der Anteil der Nichtakademikerkinder, die einen Studienabschluss erreicht haben, sei aber von 18,6 Prozent auf 22,7 Prozent in den Jahren 2012/13 angestiegen. Dies sei nicht zuletzt ein Erfolg der Strukturreform im Hochschulbereich, durch den die Bildungsdurchlässigkeit und der Zugang zu akademischen Abschlüssen verbessert worden seien, so Christina Anger. Bei der Bewertung der Zahlen der Bildungsaufsteiger- und -absteiger sei zudem zu berücksichtigen, dass die Eltern in Deutschland zunehmend ein relativ hohes Bildungsniveau aufweisen. „Dies macht einen formalen Bildungsaufstieg der Kinder schwieriger.“ Durch die duale Ausbildung gelinge es ferner, dass nur wenige junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung verbleiben und die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland sehr niedrig ist.  

Auch die Betrachtung der Einkommensverteilung innerhalb Deutschlands habe zu positiven Ergebnissen geführt, so Christina Anger weiter. Ein mittlerer Bildungsabschluss sei nach wie vor mit mittleren Einkommensperspektiven verbunden. So machten im Jahr 2000 Personen mit mittlerem Bildungsabschluss 63,4 Prozent der Gruppe mit mittlerem Einkommen aus, im Jahr 2013 waren es 64,3 Prozent. Vermehrt zur Gruppe der Haushalte mit geringem Einkommen gehören Migrantinnen und Migranten sowie Alleinerziehende. „Migranten haben dann geringere Bildungsrenditen, wenn sie ihre Bildungsabschlüsse im Ausland erworben haben“, so Christina Anger. Bei Alleinerziehenden liege es oft an durch fehlende Kinderbetreuung bedingten Problemen beim Zugang zum Arbeitsmarkt.

Dass das Thema Bildungsgerechtigkeit in Deutschland vor großen Herausforderungen stehe und daher politisch und gesellschaftlich im Fokus bleiben müsse, wurde auch in der anregenden abschließenden Diskussion deutlich. Angesichts der steigenden Zahl an Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund beispielsweise gebe es dringend weitere Handlungserfordernisse, gab Christina Anger zu bedenken. Als mögliche Maßnahmen zur Erhöhung der Bildungsgerechtigkeit regte sie unter anderem einen weiteren Ausbau der frühkindlichen Förderung, Vorbereitungsklassen und Ganztagesangebote sowie eine entsprechende Lehrerqualifizierung an den Schulen, eine Stärkung des Angebots von Sprach-, Berufssprach- und Integrationskursen sowie einen Ausbau der Einstiegsqualifizierungen und der ausbildungsbegleitenden Hilfen an. Bei allen Maßnahmen sei aber nicht zu vergessen, dass die Verbesserung des Bildungszugangs für Kinder aus bildungsfernen Schichten nicht zu Lasten der Bildungschancen der anderen Kinder gehen dürfe. Gerade um der Gerechtigkeit willen erfordere die Zunahme von Heterogenität und das Gebot der Inklusion - so mehrere Diskussionsbeiträge - einen besseren Personalschlüssel an den Bildungseinrichtungen.

Dr. Christina Anger, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten am Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Dr. Christina Anger und Professor Dr. Ralf ElmDr. Christina Anger, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten am Institut der deutschen Wirtschaft Köln, und Professor Dr. Ralf Elm von der Pädagogischen Hochschule Weingarten sprachen im Studium Generale über die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland.

Text und Fotos: Barbara Müller


 
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